Zu: Der lange Brief

Es ist alles da in diesem Roman, was der gelernte Kappacher-Leser erwartet: die geduckte, gedrückte Angestellten-Existenz mit ihren unbeholfenen Ausbruchsversuchen, die unsägliche Peinlichkeit der erotischen Verhältnisse, Faszination und Abscheu der Automobil-Welt, die Träume von einem anderen Leben. „Der bedrückende Gedanke, hier hängen zu bleiben, so zu werden wie Atzmeier“, heißt es gleich auf der ersten Seite. Dazu tritt aber etwas Ungewöhnliches, dem beizukommen man mit dem neudeutschen Wort strange versucht ist. Der Blick, bei diesem Salzburger Autor sonst immer auf das Nahe gerichtet, besonders im geografischen Sinn, weitet sich hier unerwartet in die Welt hinaus, nach Amerika und Australien. Dies geschieht im „langen Brief“ des Titels.
Dabei handelt es sich um ein Manuskript, das dem Ich-Erzähler in die Hände fällt – und dem er verfällt. Bis zuletzt wird ihm nicht klar, ob es sich hierbei um Fiktion oder eine Erzählung über Wirkliches handelt. Dessen Verfasser, S., ein Angestellter in der selben Versicherungsanstalt wie Rofner, der Erzähler, war eines Tages spurlos aus selbiger und aus der Stadt Salzburg verschwunden; mit seiner Freundin Eva ist nun Rofner verbandelt – und bei ihr findet er das Manuskript.
Auch als Leser bleibt man sozusagen in der Schwebe, obwohl man ja weiß, dass es in Detroit niemals eine grün-alternative Revolution gegeben hat, bei der Autos angezündet wurden und die von der Staatsmacht rasch niedergeschlagen wurde. Das eine wie das andere ist in den USA völlig undenkbar, sei es in den achtziger Jahren oder heute. Unverkennbar lesen wir eine Phantasie aus der Zeit um 1980, als dieser Roman erschien. Da war „Grün“ hierzulande noch ein Traum und nicht eine politische Partei mit einem Chef, der italienische Sportwagen liebt.
S. also berichtet in seinem „langen Brief“ nicht nur von einer gescheiterten Revolution in Detroit, nein, anschließend flieht er auch noch nach Australien. Er folgt einem Gerücht: Es gebe dort eine Kolonie namens Moville, wo das gute Leben gelebt werde, eine ideale Gemeinschaft, ein Modell für die Zukunft der Menschheit, irgendwo draußen in der Wüste. Dieses Moville bleibt unauffindbar, löst sich weniger in Luft auf als in Sand, Steine und Dornengebüsch. S.s wird von einer merkwürdigen alten Frau aufgenommen, die die Reste alter Eingeborenenkultur erforscht, und macht sich als Faktotum nützlich, bis die Alte plötzlich stirbt
Fasziniert folgt man nicht nur den eigenartigen Mäandern, die diese Geschichte beschreibt, sondern beobachtet gewissermaßen auch den Autor bei seinem Tasten über das Hochseil dieser gewagten Erzählanordnung: ob er nicht doch noch abstürzt. Er tut es aber nicht. Er hält die verschiedenen Fiktionsebenen so behutsam in Schwebe, wie er in diesem Text auch die Unverzichtbarkeit und zugleich die Unmöglichkeit von Träumen und Utopien in Schwebe hält.
„Der lange Brief“, erstmals 1982 erschienen und nun in einer überarbeiteten Fassung wieder aufgelegt, erlaubt uns außerdem, die Spannweite des Erzählers Kappacher besser zu vermessen, dessen Werk zu großen Teilen immer noch von seinen lautstärkeren Zeitgenossen übertönt wird.

Walter Klier, Wiener Zeitung

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