Zu: Der lange Brief

Es gibt Ortsnamen, die klingen wie gut erfunden. Ranerding gibt es tatsächlich, aber das macht nichts. Denn in Walter Kappachers Schreiben verwandeln sich auch bekanntere Bezeichnungen in Reflexe eines anderen Lebens, die mit "dieser Welt, in der der Mensch sich selbst in unglaublicher Weise erniedrigt", aber nur scheinbar nichts zu tun haben. Denn das andere Leben gehört zu diesem, es ist der Inbegriff der Möglichkeiten, die Menschen haben zu können glauben. Moville dagegen ist ein "paradiesischer Ort", deshalb ist er unauffindbar.

Kappachers Protagonisten wissen das schon seit "Rosina" (1978), dem erstaunlichen Sekretärinnenroman, mit dem der 1938 in Salzburg Geborene freier Schriftsteller wurde. Dennoch oder deshalb handeln die Romane und Erzählungen dieses so unzeitgemäß ruhig schreibenden Autors immer wieder vom Aussteigen und Weggehen wie zuletzt auch "Selina oder das andere Leben" (2005). Das andere Leben aber ist in "Der lange Brief" die Geschichte, die einer schreibt. Auf beinahe selbstverständliche Weise erscheint die Literatur bei Kappacher als glückhafter Aufenthalt. Ihre Notwendigkeit aber resultiert aus dem Erschrecken über die Welt, aus der Erfahrung des Ausgestoßenseins, die einen plötzlich mitten im Alltag befallen kann, zumal, wenn man den Lärm des modernen Lebens verabscheut.

Rofner quält sich als Dienstnehmer der Pensionsversicherungsanstalt "mit den hundert trivialen Widrigkeiten des Tages". Zunächst beiläufig beginnt er sich für seinen ehemaligen Kollegen S. zu interessieren, der eines Tages einfach nicht mehr im Amt erschienen ist. Rofner freundet sich nicht ohne Hintergedanken mit Eva an, die angeblich eine Beziehung mit S. hatte. Bei ihr findet er einen langen Brief von ihm, den sie offenbar achtlos zur Seite gelegt hat. Diesem zufolge ist S. zunächst nach Amerika gereist, wo er mit seiner Freundin Eve in Detroit in einen bewaffneten Aufstand geraten ist. Aufgrund der Erzählungen eines charismatischen Predigers machen sie sich nach Moville auf, einer neuen Gemeinschaft in natürlicher Umgebung, die S. aber wegen eines Unfalls nie erreicht. Stattdessen hat es ihn nach Goosenegg in Australien verschlagen, wo er einer alten Naturärztin dient, die ihm die Kultur der Aborigines nahebringen will. Den Ort kann Rofner auf seiner Australienkarte freilich nicht entdecken. Der Brief nämlich stellt sich als Roman im Roman heraus, der in Ranerding verfasst wurde. Im Außerordentlichen der geschilderten Reise aber wiederholen sich die Irritationen des gelebten Lebens, die Momente des Schreckens, der Distanz zur Welt und der Sehnsucht nach einem Anderen, das sich wie bei Novalis als das Eigene erweisen könnte, im Brief aber nur kurz aufblitzend als erinnerte Erinnerung erscheint. "Manchmal erinnerte ich mich früher an bewaldete Höhenzüge, unendliche Wälder, Tannenzapfen, Reisig, Schwämme, Wurzelstränge, die aus einem weichen Waldboden ragten ..." Derart erscheint die Literatur, wenngleich nicht ohne Ironie, als das Medium, in dem das Leben erst erstrebenswert wird. Rofner hat die Lektüre zu seinem Lebensinhalt gemacht und ist darüber zum Schriftsteller geworden, er komplettiert den Roman mit seinen Tagebuchaufzeichungen. So ist er schon ausgestiegen, bevor er sich in der Pensionsversicherungsanstalt verabschiedet hat. Das Leben des anderen aber hat sich ihm in Literatur verwandelt. "Bei einer zweiten Lektüre würde ich auf ganz andere Dinge achten. S. als Person interessiert mich nicht mehr." Im Anschluss ließe sich vielleicht auch sein profanes Leben romanhaft gestalten. "Eva, ein Leben mit ihr, eine Insel zu schaffen inmitten der Öde, wäre das nicht auch eine abenteuerliche Reise?" Dazu aber müsste sie, die andere Träume hat und ihn gleich bei der Hand zieht, wenn er vor einer Buchhandlung stehenbleibt, für die Literatur interessiert werden.

Friedmar Apel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

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